Sophokles: „Antigone“
(Münchner Kammerspiele, Premiere am 20. Mai 2004)

 

„Antigone“ ist, nach der fulminanten Aufführung von Georg Büchners „Dantons Tod“ und dem weniger miteißenden „Heiligen Krieg“ Reinald Goetz', die dritte Inszenierung von Lars-Ole Walburg an den Münchner Kammerspielen. Die Handlung des Stücks ist bekannt: Antigone widersetzt sich dem Verbot ihres Onkels Kreon, der soeben König von Theben geworden ist, ihren Bruder Polyneikes zu bestatten. Der Konflikt zwischen der Staatsraison Kreons und der religiös-familiären Pflicht Antigones, dem Bruder eine angemessene Bestattung zuteil werden zu lassen, führt zum Todesurteil für die Tochter des Ödipus. Als Konsequenz ihrer Taten wird sie lebendig eingemauert. Zu spät revidiert Kreon seine Entscheidung: als er das Grab öffnen lässt, hat sich Antigone bereits erhängt, ihr Verlobter Haimon, der Sohn Kreons, hat sich erstochen. Kreons Frau Eurydike bringt sich, nachdem sie die Nachricht von Tod des Sohns vernommen hat, ebenfalls um. Kreon bleibt als gebrochener Mann zurück.

George Steiner schreibt in einem im Programmheft abgedruckten Beitrag, dass es fünf Hauptkonstanten des Konflikts in der menschlichen Existenz gebe: „die Konfrontation zwischen Männern und Frauen; zwischen Alter und Jugend; zwischen Gesellschaft und dem Individuum; zwischen den Lebenden und den Toten; zwischen Menschen und Gott/Göttern“. Alle fünf sieht Steiner in Sophokles' „Antigone“ verhandelt. Leider gelingt es Lars-Ole Walburg nicht uneingeschränkt, diese Schemata mit Leben zu füllen. Zu sehr Skelett, zu abstrakt, zu textzentriert ist seine Inszenierung. Walburg übergeht die dem Stück inhärente Dialektik auch dadurch, dass seine Auslegung sich zu einseitig auf die Seite der Titelheldin schlägt, die Spannungen im Text auflöst, statt sie auszuspielen. Kreon erscheint schlichtweg als Machtpolitiker, der einen Fehler gemacht und diesen partout nicht einsehen will. Zu bieder, zu uninteressant wird diese Figur gezeichnet. Die tragische Notwendigkeit, die ihn antreibt, wird kaum sichtbar. Ihren Glanz bezieht die „Antigone“ vorwiegend aus den gewohnt großartigen Schauspielern der Kammerspiele: Julia Jentsch in der Titelrolle weiß einmal mehr dem Trotz Schönheit und menschliche Größe abzuringen; Michael Neuenschwander gibt den Kreon als starrsinnigen und selbstgerechten Verwaltungsbeamten, Paul Herwig als Haimon überzeugt – wie auch schon in Fleißers „Der starke Stamm“ und Schillers „Don Karlos“ – in der Rolle des rebellischen Sprösslings mit jugendlichem Furor.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, dass der frühere Hausherr in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Kammerspiele zurückerobert hat: so sehr steht der Text im Mittelpunkt, so karg ist das Bühnenbild, so weiß sind die Kostüme, dass sie jedem Waschmittel-Spot zur Ehre gereichten – nicht auszudenken, welche Farbenpracht den Zuschauer erwartet hätte, hätte Walburg die Ausstellung „Bunte Götter“ in der Glyptothek gesehen. Nur in einem Punkt wird deutlich, dass es nicht Baumbauers Vorgänger sein kann, der hinter alldem steckt: das Stück ist in weniger als anderthalb Stunden vorbei. Obwohl Kürzungen gerade bei „Klassikern“ oftmals eine belebende Wirkung hervorrufen, ist es in diesem Fall genau umgekehrt: man verlässt das Theater mit dem Gefühl, zwar den Plot, nicht aber eine lebendige Auseinandersetzung gesehen zu haben. Warten wir also auf Walburgs „Hamlet“, der 2005 am gleichen Ort Premiere haben wird.

 

 

Sebastian Freisleder

 

6/10
Eine solide, ästhetisch wie inhaltlich allerdings reduktionistische Inszenierung mit gewohnt großartigen Schauspielern.

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