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Christian Dietrich Grabbe: Herzog Theodor von Gothland
(Residenztheater, Premiere am 9. Oktober 2004)
Christian Dietrich Grabbe ist für seine eigenwilligen, schwierig zu inszenierenden Stücke einschlägig bekannt. Vor fünf Jahren war, ebenfalls im Residenztheater, Grabbes Tragödie mit dem bizarren Titel „Don Juan und Faust“ (so eine Art „Alien vs. Predator“ für den Bildungsbürger) in Anselm Webers Inszenierung und mit Edgar Selge sowie Markus Boysen in den Hauptrollen zu sehen. Nun hat sich Tina Lanik erneut an einem Grabbe-Stück versucht, diesmal am „Herzog Theodor von Gothland“, Grabbes erstem Stück, das er 1822 im Alter von zwanzig Jahren beendet hat. Wie fast alle anderen Stücke wurde es nicht zu seinen Lebzeiten aufgeführt, sondern erst über 60 Jahre später im Jahre 1892 in Wien. Wie prekär selbst wohlgesonnene Zeitgenossen Grabbes Erstlingswerk empfanden, zeigt eine Äußerungen Ludwig Tiecks, der zwar konstatiert, dass es sich „ sehr von dem gewöhnlichen Troß unserer Theaterstücke unterscheidet“ , mit dessen „Seltsamkeit, Härte, Bizarrerie“ allerdings wenig anzufangen weiß und dessen „unpoetischen Materialismus“ geißelt.
Diesen Widrigkeiten zum Trotz hat Tina Lanik Grabbes „Herzog Theodor von Gothland“ mit Eleganz und durchaus überzeugend auf die Bühne des Residenztheaters gebracht. Dies gelingt ihr zum einen durch einen Ton der Leichtigkeit, der das an und für sich recht blutrünstige Stück durchzieht. Lanik findet das richtige Maß zwischen einem unerträglichen Ernstnehmen des Grabbeschen Pathos einerseits und einer billigen Parodie auf Kosten des Stückes andererseits. Die Brechung durch Komik erfolgt meist liebevoll und behutsam, niemals aggressiv oder gar arrogant. Zum anderen sind es aber die großartigen Hauptdarsteller, die einen maßgeblichen Anteil am Gelingen haben, allen voran Barbara Melzl als Neger Berdoa. Derart vielseitig hat man eine(n) Schauspieler(in) schon lange nicht mehr wüten gesehen. Melzl faucht und verführt, ist Freund wie Bestie, Opfer und Täter, Mann und Frau. Die Spannung, die sie ihrer Rolle zu verleihen imstande ist, machen einen beträchtlichen Teil der Faszination des ganzen Stückes aus. Dies gilt grundsätzlich für die Wahl Laniks, die Rolle des Berdoa mit einer Frau zu besetzen, wodurch ein Eros der Todfeindschaft evoziert wird. Thomas Loibl gibt den Herzog Theodor naiv-selbstgerecht überzeugend als jenen „blödsten Tölpel“, als den ihn Berdoa am Ende des Stückes bezeichnet, lässt damit allerdings eine Tiefe vermissen, die doch auch in der Figur angelegt zu sein scheint.
Lanik hat sich für eine schlaue Modernisierung entschieden: statt platter Verheutigung wird das Stück an Bilderwelten im kollektiven Gedächtnis unserer Zeit rückgebunden, namentlich an die Filme Quentin Tarantinos. Barbara Melzl sieht exakt aus wie Uma Thurman in „Pulp Fiction“, die schwarzen Anzüge mit den blutigen Hemden darunter sind eine Remineszenz an „Reservoir Dogs“ und wenn Fred Stillkrauth schließlich Nancy Sinatras „Bang Bang“ mit Gitarre vorträgt, wird die Tarantino-Referenz überdeutlich, handelt es sich doch um jenen Song, der seinem Epos „Kill Bill“ die Idee geliefert hat und diesem folgerichtig voransteht. So ist es auch zweifellos die Ästhetik dieses Films, die das Stück, vor allem in den Kampfszenen, permanent durchzieht. Der Kurzschluss von Tarantinoscher und Grabbescher Blutrünstigkeit ist deshalb so klug, weil Lanik damit im System der Kunst bleibt und nicht (wie so häufig) die Gewalt in Grabbes Stück etwa auf heutige Ereignisse wie den Irakkrieg projizieren muss (mit einer Ausnahme: Fred Stillkrauth wird die Frage, ob Völkermord Königsrecht sei, mit „I believe so“ beantworten).
Einen Haken hat die Sache aber: wird das Stück mit derartiger Leichtigkeit – freilich auf hohem Niveau – an der Oberfläche und als Spiel mit Zitaten inszeniert, bleiben zentrale Aspekte außen vor. Die existentielle Verzweiflung, in die der Herzog gerät und die ihn zum äußersten Nihilismus führt, kommt kaum zur Geltung. Dabei ist der religiöse Diskurs die Substanz dieser Tragödie schlechthin. Was Grabbe hier Anfang der 1820er seinen Figuren in den Mund legt ist all das, was Kierkegaard, Nietzsche und Co. Jahrzehnte später entdecken werden. Berdoa formuliert es an einer Stelle deutlich: „Pah,/ Sei doch nicht abergläubisch! Wer hat von/ Der Tugend je etwas gespürt? Die Zeit/ Ist aufgeklärt, sie glaubt an keine mehr./ Dummheit und Frömmigkeit sind synonym,/ Nichts Sündges gibt es und nichts Böses,/ Was für den einen bös ist, das ist für/ Den andren gut; der Mensch kann ohnehin/ Das Gute nicht vertragen [...]/ Die Liebe ist versteckter Eigennutz,/ Großmut ist spekuliernde Heuchelei,/ Mitleid ist schwächliche Empfindsamkeit,/ Und wenn auch jemand wirklich Gutes tut,/ So tut ers weil das Gute leichter als/ Das Böse ist.“ Diesen Zustand jenseits von Gut und Böse nimmt Theodors Sohn „mit Schaudern“ als „die Religion der Hölle“ wahr. Vielleicht wären es genau diese „tiefen“ Stellen des Dramas gewesen, die man seinen vermeintlichen Untiefen hätte entgegenstellen müssen.
Sebastian Freisleder
7/10
Ein sperriges Stück durchaus ansprechend inszeniert und mit zwei großartigen Hauptdarstellern besetzt, allen voran Barbara Melzl als Neger Berdoa. |