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Ein Junge der nicht Mehmet heißt
(Neues Haus der Münchner Kammerspiele, Premiere am 22. Oktober 2004)
Böse Zungen behaupten, der wahre Grund für das „Bunnyhill“-Projekt der Münchner Kammerspiele sei die Etablierung neuer Zuschauermärkte jenseits des alteingesessenen bildungsbürgerlichen Klientels, das bekanntermaßen eher die andere Seite der Maximilanstraße bevorzugt, gewesen. So hat das berühmt-berüchtigte Stadtviertel Hasenbergl im Norden Münchens zwar einen schlechten Ruf, aber dafür immerhin (zusammen mit Feldmoching) über 53.000 Einwohner und somit potentielle Neu-Abonnenten, um die sich bisher vermutlich noch kein Theater bemüht hat. So also sprechen die bösen Zungen. Vermutlich haben sie deshalb das Neue Haus der Kammerspiele auch gar nicht erst aufgesucht, wo das Projekt von Oktober bis Dezember 2004 beheimatet war. Wären sie dort gewesen, hätten sie die Gelegenheit gehabt, Zeugen eines höchst ambitionierten Experiments zu werden, welches von Alex Rühle in der Süddeutschen Zeitung vom 18.12.2004 immerhin als „eines der spannendsten Kunstprojekte, die es in dieser Stadt in den vergangenen Jahren gegeben hat“, bezeichnet wurde.
Im Mittelpunkt von „Bunnyhill“ stand das von Peter Kastenmüller (Regie) und Björn Bicker (Dramaturgie) mit Schauspielern der Kammerspiele und Jugendlichen aus dem Hasenbergl erarbeitete Stück „Ein Junge der nicht Mehmet heißt“. Um den türkischen Jugendlichen, der vor einigen Jahren in München für Aufsehen sorgte, weil er – bevor er überhaupt strafmündig war – bereits über 60 Straftaten begangen hatte und schließlich in die Türkei abgeschoben wurde, geht es dabei allerdings nur am Rande. Vielmehr thematisiert das Stück die Spannung zwischen noblem Stadtzentrum mit Maximilanstraßen-Hochkultur einerseits und Stadtperipherie mit sozialen Brennpunkten andererseits. Was zunächst prekär und nach Ausschlachten äußerst handfester Probleme als Abendunterhaltung klingt, erweist sich in der Umsetzung als beeindruckende Leistung aller Beteiligten. Kastenmüller und Bicker umschiffen alle Klischee-Klippen und Sozialpädagogenromantik, lassen stattdessen die Jugendlichen selbst zu Wort kommen. Deren Statements oszillieren zwischen biographischen Fakten und Fiktion, so dass zu keinem Zeitpunkt der Eindruck entsteht, hier werden die vermeintlichen „Problemkids“ zum biographischen Offenbarungseid gezwungen, um lediglich des Theatergängers Sicht auf das Scherbenviertel zu bestätigen. Aber auch auf jeden Betroffenheitskitsch wird dankenswerterweise zugunsten jener Mischung aus Realität und Fabulieren verzichtet, aus der eine eigenwillige Form von Authentizität entsteht.
Ein großes Lob gebührt dabei auch den Darstellern: man merkt beiden Seiten an, dass die gegenseitige Annäherung nicht ganz einfach war. Man merkt aber auch, dass sie am Ende gelungen ist. So zeigt das Stück den Versuch einer erfolgreichen Verständigung zweier völlig fremder Welten im Rahmen des Möglichen. Dies ist die große Leistung der Kammerspielschauspieler wie auch der Jugendlichen. Dem Zuschauer wird deutlich, dass Floskeln aus Sozialpädagogenmund wie: „In diesen Kids steckt eigentlich total viel drin“, für die man sonst allenfalls ein Schulterzucken übrig hätte, sich auf der Bühne bewahrheiten. Insofern leistet das Stück genau das, was am Anfang desselbigen gesagt wird: „Die Kunst ist es, das Highlight dorthin zu bringen, wo es hingehört“. Geschafft!
Sebastian Freisleder
8/10
Ein ambitioniertes Projekt, das trotz problematischer Umsetzungsbedingungen voll und ganz gelungen ist. |