Home
Rezensionen
Theater in München
Mitarbeiter gesucht
Kontakt
Impressum |
William Shakespeare: „Der Kaufmann von Venedig“
(Residenztheater, Premiere am 11. Oktober 2001)
Eine Inszenierung zu rezensieren, in der kaum inszeniert wird, ist naturgemäß ein schwieriges Unterfangen. Vor genau diesem Problem steht der Rezensent in Bezug auf Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ in der Regie von Dieter Dorn, mit dem dieser nicht nur die Spielzeit 2001/2002, sonder auch seine Intendanz am Bayerischen Staatsschauspiel eröffnete. Keine Frage: hier sieht man, gleichsam in Essenz, reinstes Dorn-Theater. Die Bühne ist spartanisch wie zu alten Kammerspiel-Zeiten: außer einer ohnehin vorhandenen Brandmauer und einem aufklappbaren Turm in der vorderen Bühnenmitte ist sie leer. Auch die Darsteller sind weitgehend bekannt aus Tagen an der Maximiliansstraße und großartig wie eh und je: Rolf Boysen als Shylock und Thomas Holtzmann als Antonio, ein Paar, das man schon öfter gemeinsam bewundern durfte; Sibylle Canonica als Portia und Michael von Au als Bassanio – alles alte Bekannte, ebenso wie der Großteil der Besetzung. Dass diese Schauspielerinnen und Schauspieler Klasse besitzen – wir wissen es. Und ebenso wissen wir, wie Dorn Shakespeare zu inszenieren pflegt – als Textorgie.
Textgrundlage ist (natürlich!) eine Übersetzung von Michael Wachsmann, und diese steht vier Stunden lang unangefochten im Mittelpunkt. Keine Eingriffe, keine Kürzungen. Ein Text, der die dafür nötige Substanz hat, kann dies natürlich verkraften, oftmals besser als den umgekehrten Fall. Im Falle des „Kaufmanns“ liegen die Dinge aber anders. Das Stück ist streckenweise inkohärent, die Charaktere (mit Ausnahme Shylocks) größtenteils belanglos, die Witzchen oft banal und plump. All dies schreit förmlich danach, gekürzt, gedeutet oder sonstwie bearbeitet zu werden. Doch davon keine Spur: Dorn inszeniert zeitlos, und das im positiven wie im negativen Sinn. Das bedeutet nichts zuletzt, dass die zahlreichen Anschlussmöglichkeiten an die Gegenwart, die das Stück bietet (Antisemitismus, entfesselter Kapitalismus etc.) ignoriert werden. Ob das gut oder schlecht ist, darüber mag man geteilter Meinung sein. Fakt ist, dass am Ende nur das nackte Stück steht; und das ist nicht allzu viel. Manchmal ist Regietheater ist eben doch wohltuender als mancher meint.
Sebastian Freisleder
6/10
Im Resi nichts Neues: Große Schauspieler, karge Bühne und fast vier Stunden gesprochenes Wort. Ganz und gar zeitlos eben. |