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Enda Walsh: The New Electric Ballroom
(Münchner Kammerspiele, Premiere am 30. September 2004)
My home is my utero. Das könnten die Worte auf dem Fußabstreifer vor dem Domizil der drei Schwestern Ada, Breda und Clara sein, wenn Sie denn einen hätten. Wahrscheinlich haben sie keinen, denn der einzige Besuch, den die drei noch bekommen, ist der Fischhändler Patsy. Die drei Schwestern haben sich hermetisch abgeschottet, leben die Behauptung, „dass der Mutterleib der wünschenswertere Ort ist als diese ‚erschaffene Welt'“. Wer wissen möchte, welches Aussehen ein autopoietisch-selbstreferentielles System à la Luhmann haben muss: hier hat man Gelegenheit zur Besichtigung. Vor einigen Jahrzehnten waren die älteren der Schwestern, Breda und Clara, verliebt in Roller Royle, der sie allerdings zugunsten einer Schönen, die aussah wie Doris Day, hat abblitzen lassen. All das trug sich im „New Electric Ballroom“ zu, und seitdem sind Breda und Clara damit beschäftigt, die Vergangenheit mittels Sprache immer und immer wieder, Tag für Tag aufs Neue heraufzubeschwören. Ihre zwanzig Jahre jüngere Schwester Ada ist dabei fester, passiver Bestandteil dieses Rituals.
Soweit die Situation. Was in den knapp zwei Stunden geschieht, die das Stück, mit dem die Münchner Kammerspiele die Saison 2004/2005 eröffnet haben, dauert, lässt sich dadurch nur andeutungsweise wiedergeben. Denn es ist weniger die Handlung, die einen in den Bann zieht (obwohl auch diese überraschende Wendungen nimmt), sondern die grandiose, unfassbar schöne Sprache Enda Walshs. Nur wenige Autoren der Gegenwart bringen es fertig, Dialoge, die größtenteils aus bloßem Alltagsvokabular bestehen, mit einer derartigen poetischen Qualität zu versehen. Das Stück macht es unmissverständlich deutlich: es ist die Sprache, die die Wirklichkeit erschafft. Im Anfang war das Wort, und dieses ist tatsächlich, wie es im griechischen Text heißt, arché in seinem ganzen Bedeutungsspektrum, nicht nur Anfang und Ende, sondern jene vorherrschende Macht, jenes Prinzip, dem alles zugrunde liegt. Doch alle Worte wären freilich nichts, wenn sie nicht durch Menschen ausgesprochen würden. Und hier liegt der zweite Grund, warum dieser Abend zum Glücksfall für den Zuschauer wird. Der Regisseur Stephan Kimmig hat drei wunderbare Schauspielerinnen und einen wunderbaren Schauspieler zur Verfügung, die den Figuren Leben verleihen – wirkliches, gelebtes Leben wohlgemerkt. Hildegard Schmahl als Breda und Barbara Nüsse als Clara überwältigen uns mit allen Facetten der Schauspielkunst: ob 1950er-Teenie oder semidemente Greisin, die beiden Schauspielerinnen ziehen alle Register. Ebenso fabelhaft ist – wie immer – Hans Kremer als Fischhändler Patsy, der gegen Ende des Stücks einen großen Auftritt samt Hüftschwung hat und zusammen mit Annette Paulmann als Ada die Schlussszene ergreifend, aber zu keinem Zeitpunkt kitschig gestaltet.
„The New Electric Ballroom“ in den Münchner Kammerspielen ist einer der nicht allzu häufigen Fälle, in denen alles stimmt: Stück, Regie, Darsteller. Fehlen eigentlich nur noch die Zuschauer. Also nichts wie hin...
Sebastian Freisleder
9/10
Eine wunderbare Inszenierung eines vor sprachlicher Schönheit nur so strotzenden Stückes mit vier großartigen Schauspieler(inne)n. Sehenswert! |