Friedrich Hebbel: Die Nibelungen
(Münchner Kammerspiele, Premiere am 4. Dezember 2004)

 

Die mittlerweile vierte Spielzeit der Münchner Kammerspiele unter Frank Baumbauer steht ganz unter dem Vorzeichen der Kontinuität. So findet man mit Enda Walsh, Jon Fosse, Albert Ostermaier und Franz Wittenbrink nicht nur zeitgenössische Autoren auf dem Spielplan, die mittlerweile als alte Kammerspiele-Bekannte gelten dürfen; mit Jossi Wieler (bereits die fünfte Inszenierung in vier Spielzeiten!), Johan Simons, Lars-Ole Walburg, Monika Gintersdorfer, Thomas Ostermeier, Peter Kastenmüller, Christiane Pohle und Boris von Poser sind allesamt Regisseure am Werk, die bereits ein- oder mehrfach in der Ära Baumbauer inszeniert haben. Auch Andreas Kriegenburg gehört zu diesen Wiederholungstätern: er hatte 2002 mit der „Orestie“ des Aischylos eine der großartigsten Inszenierungen abgeliefert, die in den letzten Jahren in München zu sehen waren. Groß war deshalb die Erwartung an sein neues Projekt, das mit einer Dauer von fast sechs Stunden anschickt, die auch nicht gerade kurze „Orestie“ zumindest zeitlich zu überbieten.

Uns ist in alten maeren, wunders vil geseit . So beginnt das um 1200 entstandene, vom Untergang der Burgunden handelnde Nibelungenlied, und der historische Abstand, den schon sein Verfasser konstatiert, gilt für uns in doppelter Weise, nachdem eine beinahe tausendjährige, nicht gerade als glücklich zu bezeichnende Rezeptionsgeschichte hinter dem Epos liegt. Auch Kriegenburg, der sich für Friedrich Hebbels Dramatisierung des Nibelungenliedes entschieden hat, interessierte sich offenkundig mehr für die spezifisch deutsche Deutung des Nibelungenstoffes als für die Dichtung selbst, und noch weniger galt sein Interesse Hebbels religiösem Überbau, der so gut zum Motto der Spielzeit gepasst hätte. Kriegenburg, der zweifelsfrei zu den profiliertesten Regisseure im deutschsprachigen Raum zählt, weist in jeder seiner Arbeiten eine unverwechselbare Handschrift und eine Vielzahl höchst eigenständiger und origineller Ideen auf. Dies ist in den „Nibelungen“ nicht anders, nur leider stehen des Regisseurs Einfälle zu der Dauer der Inszenierung in einem unerfreulichen Missverhältnis. Trotz vieler guter Einzelideen ist die Konzeption als ganzes nicht über sechs Stunden tragfähig, fehlt es an Dynamik, so dass sich der Zuschauer fragen mag, ob man all dies nicht auch in zwei oder drei Stunden hätte zeigen können, ohne größere substantielle Einbußen hinnehmen zu müssen. Kriegenburg legt eine geradezu stoische Ruhe an den Tag, wenn es darum geht, seine Einfälle auf der Bühne zu zelebrieren. Bestes Beispiel ist seine Überlegung, das Gemetzel im letzten Akt nicht spielen, sondern lediglich im Geiste der Teichoskopie von den Schauspielern kommentieren zu lassen. Mag dies an und für sich nicht verkehrt sein, ist es über eine Länge von anderthalb Stunden nur schwer erträglich (zumal, wenn man schon vier Stunden hinter sich hat). Weniger wäre manchmal eben mehr gewesen, denn auch der schönste inszenatorische Einfall nützt sich nach der zehnten Wiederholung ab. Dies gilt nicht zuletzt für Kriegenburgs beinahe pathologischen Hang zu Kalauer und Slapstick. Entstehen hieraus, gerade im Kontrast mir Hebbels pathetischer Sprache, oftmals tatsächlich überaus witzige Momente (man denke nur an die urkomische Günther-Koch-Imitation Hildegard Schmahls oder Bernd Grawerts hinreißend misslingenden Versuch, „When A Man Loves A Woman“ auf der Orgel anzustimmen), so hätte man auf Dialoge wie diesen getrost verzichten können:
Giselher (Rüdigers Tochter Gudrun tragend): „Die ist ja schwer“.
Rüdiger : „Ist ja auch kein leichtes Mädchen“.

Auch die Besetzung überzeugt nicht uneingeschränkt. So großartig ein jeder der Schauspielerinnern und Schauspieler für sich auch sein mögen, in ihren Rollen wirken sie mitunter deplatziert. Hans Kremer ist ein vernünftiger, aber alles andere als bösartiger Hagen. Oliver Mallison als Siegfried besitzt zweifelsfrei komisches Talent, zum Heros allerdings taugt er um so weniger. Julia Jentschs Brunhild wird zunächst als das schlechthin Fremde verkörperndes Björkdouble vorstellig, ist aber, sobald sie in Worms angekommen ist, besser assimiliert als jeder Burgunde. Wiebke Puls verkörpert die Kriemhild über weite Strecken überzeugend, ist aber in den zugegebenermaßen heiklen emotionalen Extremszenen der Ermordung Siegfrieds und ihres daran anschließenden unbedingten Rachefeldzuges zu blass. Nun kann man freilich sagen: alles Absicht – was bitte hat Kriegenburg mir psychologischer Detailgenauigkeit zu schaffen. Allein: wenn man die Figuren in ihren Charakterisierungen schon weitgehend von der Textvorlage ablöst, sollte man doch eine überzeugende Alternative oder zumindest einen guten Grund für solche Abweichungen parat haben. Beides sucht man jedoch vergebens.

Somit wurden die zahlreichen vielversprechenden Ansätze, zumindest in Teilen der Inszenierung, überstrapaziert und dadurch verwässert. Dies gilt auch für das einmal mehr von Kriegenburg selbst entworfene Bühnenbild, das auf Dauer zu eintönig wirkt, ebenso für die von Laurent Simonetti komponierte Musik, die über den gesamten Zeitraum der Aufführung zu wenig Abwechslung bietet. Und auch der Deutschland-Diskurs, den Kriegenburg mit aller Gewalt auf das Stück projiziert, besitzt keine unmittelbare Evidenz und wirkt stellenweise aufgepfropft, denn die Legitimität einer solchen Deutungsperspektive ergibt sich keineswegs aus dem Nibelungenstoff an sich, sondern allenfalls als aus seiner – höchst zweifelhaften – Rezeptionsgeschichte. Spannender wäre es hingegen gewesen, wenn sich der Regisseur mit dem mittelalterlichen Epos und seinen vormodernen Inkohärenzen auf Figuren- und Handlungsebene auseinandergesetzt hätte. Hier läge zweifellos Material genug für eine zwanzigstündige Inszenierung. So verheddert sich Kriegenburg jedoch in Klischees wie der Idee des Nibelungenlied als Nationalepos und essentialistischem Unfug wie dem deutschen Ordnungssinn. Es gibt komplexere Sichtweisen auf diese Sachverhalte.

Verglichen mir der anfangs erwähnten „Orestie“, die jene Dynamik das ganze Stück hindurch zu halten vermochte, die den „Nibelungen“ fehlt, sind diese daher weniger das „ Theatergroßereignis der Saison“, als das sie von Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau vom 7. Dezember 2004 bezeichnet wurden, sondern eher die ewig Zweiten, die von René Dumont als Gerenot in einem der größten Momente des Stücks in einem Monolog von erschreckender Brillanz beschworen werden. Und dies ist - ebenso wie Kriegenburgs unkritische Einreihung in die abstruse Deutungsgeschichte des Epos im 19. und 20. Jahrhundert - eben typisch deutsch.

 

Sebastian Freisleder

 

6/10
Ein groß angelegtes Projekt mit vielen originellen Details, dessen Gesamtkonzeption aber nicht das ganze Stück hindurch tragfähig ist.

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