Anton Tschechow: Onkel Wanja
(Residenztheater, Premiere am 26. Juni 2003)

 

Mitreißend kann man die Handlung von Anton Tschechows 1899 uraufgeführtem Stück „Onkel Wanja. Szenen aus dem Landleben“ nicht unbedingt nennen. Es gibt, außer einer verhinderten Liebesszene und zwei ihr Ziel verfehlenden Pistolenschüssen, kaum nennenswerte Geschehnisse. Den ihm eigenen Reiz bezieht das Stück vielmehr aus seinen Figuren, allesamt Neurotiker, Sinnsuchende und an eben diesem Sinn des Lebens Verzweifelnde. Der emeritierte Professor Serebrjakow erscheint eines Tages mit seiner zweiten Frau Jelena auf dem Landgut seiner ersten, bereits verstorbenen Gattin. Dieses wird seit geraumer Zeit von Wanja, dem Bruder der Verstorbenen, und Sonja, Tochter des Professors aus erster Ehe, bewirtschaftet. Auf dem Gut halten sich außerdem Wanjas Mutter und der Arzt Astrow auf. Aus dieser Situation entwickeln sich zahlreiche, spannungsreiche Konstellationen zwischen den einzelnen Figuren, die sich über das allzumenschliche Spektrum von Liebe und Begehren bis hin zu tiefem Hass erstrecken.

Barbara Frey beweist mit ihrer Inszenierung, die beim Berliner Theatertreffen 2004 gefeiert wurde, ein präzises Gespür sowohl für die tragischen als auch für die komischen Momente des Stücks. Frey inszeniert ebenso zurückhaltend wie pointiert, und es ist der subtilen Herangehensweise ihrer Regie geschuldet, dass den Darstellern und ihrer durchweg großartigen Leistung der nötige Raum eingeräumt wird, um zum eigentlichen Zentrum der Aufführung zu werden. Rainer Bock brilliert als mit Zynismus gegen seine Umwelt aufbegehrender und dennoch stets aufs Neue resignierender Wanja. Wie Bock durch bloße Körpersprache seiner Figur Leben verleiht, wie sich melancholisches Dreinschauen in eine durchaus sympathischen Boshaftigkeit und wieder zurück verwandelt, ist phänomenal und verleiht der Titelfigur eine ungeheure Plastizität. Sunnyi Melles glänzt als zwischen Hysterie, Enervierung und Verführungskunst pendelnde Jelena, eine Rolle, für die sie in der Kritikerumfrage von Theater heute zur Schauspielerin des Jahres 2004 gewählt wurde. Stefan Hunstein als Astrow überzeugt ebenso wie Anna Schudt, die ihre Sonja mit Würde und Anmut spielt. Thomas Holtzmann schließlich gibt Wanjas Widerpart Professor Serebrjakow herrlich hypochondrisch als einen in Selbstgerechtigkeit und -mitleid versunkener Despoten, der gleichwohl nie der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Überhaupt ist dies eine der großen Stärken der Inszenierung: alle Figuren, so lachhaft und nichtig sie von außen auch scheinen mögen, werden nicht ihrer Würde beraubt. Statt vorgeführten Idioten erlebt der Zuschauer Menschen, die ihrer Selbstverfehlung Größe und ihrer Tragik Komik abzugewinnen imstande sind.

Barbara Frey ist mit ihrem „Onkel Wanja“ ein großer Wurf und eine gleichermaßen unterhaltsame wie einfühlsame, nicht zuletzt eine intelligente Interpretation gelungen. Ein hochkarätiges Ensemble präsentiert sich in Höchstform, so dass das Stück zu jeder Jahreszeit zu jenem „Sommerfest der Theaterkunst“ wird, als das es von Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung apostrophiert wurde. Großes Schauspieltheater, nah am Text und dennoch lebhaft bis zum Ende – dem Intendanten wird's gefallen, den Zuschauern zweifellos auch.

 

Sebastian Freisleder

 

 

9/10
Eine tragikomische Erkundung der menschlichen Seele, die aufgrund der darstellerischen Klasse einen Höhepunkt im Repertoire des Bayerischen Staatsschauspiels darstellt.

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