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Sarah Kane: „Phaidras Liebe“
(Marstall, Premiere am 6. Oktober 2004)
Ihren ersten und bis dato einzigen Auftritt in München hatte Sarah Kane mit einer deutschsprachigen Erstaufführung in der ebenfalls ersten Spielzeit der Münchner Kammerspiele unter Frank Baumbauers Intendanz. „4.48 Psychose“ hieß das von Thirza Bruncken fabelhaft inszenierte letzte Stück der englischen Autorin. Zum Zeitpunkt seiner Uraufführung hatte sie sich bereits umgebracht. Auf mich machten die Inszenierung Brunckens und die Sprache Kanes damals einen derartigen Eindruck, dass ich umgehend das schmale rot-orange Paperback, das sämtliche Stücke Kanes enthält, erwarb und las. Ich erinnere mich noch, dass ich von „Phaidras Liebe“ besonders beeindruckt war und mir vorstellte, wie so ein Stück wohl auf der Bühne aussehen könnte. Was würde ein Regisseur mit recht handfesten Regieanweisungen wie „Er/sie befriedigt ihn oral“ anstellen, ohne in schmalspurpornographische Bahnen zu geraten? Wie mit dem Schlachtfest am Ende, ohne unfreiwillige Komik zu erzeugen?
Die Gelegenheit zu einer Inspektion in vitro bietet sich mit Florian Boeschs Inszenierung im Marstall, mit dem das Bayerische Staatsschauspiel gleichzeitig die Spielzeit 2004/2005 eröffnete. Um es gleich zu sagen: Boesch nimmt seinen Text – ganz im Sinne der Hauspolitik (und vielleicht dennoch nicht im Sinne des goldgeschmückten Abonnenten fortgeschrittenen Alters) – beim Wort. Zu sehen ist eine mehr oder weniger naturalistische Wiedergabe des Texts mit den dort geschilderten sexuellen Eskapaden, Mord und Totschlag. Das muss nicht unbedingt verkehrt sein: Kane stellt sich bewusst gegen Racines klassische Sublimation und entscheidet sich im Gegenzug für radikale Explizität. Allerdings, so stellt der Zuschauer schnell fest, trägt diese Strategie auf der Bühne nicht allzu weit. Zu viele hand bzw. blow jobs in einer knappen Stunde lassen nicht nur bei älteren Zusehern ernsthafte Zweifel an der physiologischen Glaubwürdigkeit des dort Gezeigten, sondern auch schnell Langeweile aufkommen. Das Gemetzel am Ende, bei dem sich der Kunstblut-Verbrauch ungefähr mit dem eines Tarantino-Films decken dürfte, tendiert dann auch mehr zum Komischen als zum Tragischen. Die Darsteller mühen sich tapfer, aber keiner von ihnen brilliert. Vermutlich wäre aber genau das – zusammen mit ein wenig mehr Zurückhaltung in der Darstellung des Drastischen – erforderlich, um einem Stück wie diesem beizukommen. Man verlässt das Theater mit einem so-what -Gefühl, ohne recht zu wissen, ob das eben Gezeigte schockieren oder den status quo des Gefühls- und Geschlechtslebens im frühen 21. Jahrhundert beschreiben wollte. Beides tut es nicht wirklich überzeugend. C. Bernd Sucher schrieb in seiner Rezension in der Süddeutschen Zeitung vom 8. Oktober 2004: „Ob es auch anders geht? Vielleicht. Doch niemand muss es versuchen. Lohnt die Mühe nicht.“ Die Frage scheint mir berechtigt – nicht aber Suchers Schlussfolgerung. Vielleicht hätte man doch besser Thirza Bruncken gefragt.
Sebastian Freisleder
5/10
Mehr oder weniger solide, aber keinesfalls mitreißend. Ein entschiedener inszenatorischer Zugriff hätte dem Stück besser gestanden. |