Albert Ostermaier: „Radio Noir“
(Werkraum der Münchner Kammerspiele, Premiere am 2. Oktober 2004)

 

Sirenen, so weiß das „Wörterbuch der Mythologie“ zu berichten, sind „mythische Wesen, die zuerst in der Odyssee vorkommen, wo sie auf einer Insel des Westmeers hausen; hier singen sie so bezaubernd, dass die Vorüberfahrenden, Weib, Kind, Freunde und Heimath vergessend, sich von ihnen anlocken lassen und durch Schiffbruch umkommen, wesshalb die Ufer der Insel mit gebleichten Gebeinen bedeckt sind“. Eine dieser Sirenen, Parthenope, zugleich Namensgeberin des heutigen Neapel, inspirierte den Münchner Schriftsteller Albert Ostermaier zu seinem monologischen Stück „Radio Noir“, das nun in der Hamburger Inszenierung von Monika Gintersdorfer aus dem Jahr 2000 im Werkraum der Münchner Kammerspiele zu sehen ist. Ostermaier transportiert die Sirene von ihrem mediterranen Felsen in einen futuristischen Radiosenderaum, wo sie als Nighttalkerin Anrufer anlockt, verführt und schließlich in den Tod treibt. Dies gelingt ihr dank moderner Technik recht effizient, bis eine ihrer Anruferinnen einfach auflegt, was Radio und Sirene schließlich zum kollabieren bringt.

Caroline Ebner schlägt sich tapfer durch die anspruchsvolle Aufgabe einer 90-minütigen one-woman-show und zeigt ein reiches Spektrum an schauspielerischen Facetten, die den Aspekten des Stücks – Sex, Tod, Beherrschung des Anderen durch Sprache – gerecht werden. In Einzelszenen erreicht die Inszenierung immer wieder ein hohes Maß an Dichte und Intensität, die den Zuschauer, ähnlich wie die Opfer der Sirene, in den Bann zu ziehen vermögen, wie z.B. in der irrsinnigen Telefonsexszene, bei der Orgasmus und Aufforderung zum Suizid ineinander übergehen. Dennoch stehen diese gelungenen Momente eher isoliert da, denn ein dramatischer Spannungsverlauf im eigentlichen Sinne ist nicht auszumachen. Wenn das Stück über weite Strecken dahinplätschert, liegt das weniger an Ebners Einsatz, sondern vielmehr an der hybriden Gattungszugehörigkeit von Ostermaiers Text, die irgendwo zwischen Lyrik und Hörspiel mäandert. So überzeugend die Qualitäten des Autors auf diesen Gebieten sein mögen, eine dramatische Eignung lässt der Text weitgehend vermissen. Über eine Dauer von anderthalb Stunden ist dies problematisch, was sich vor allem im letzten Drittel bemerkbar macht, das sich gehörig in die Länge zieht. Insgesamt ist der Eindruck, den das Stück hinterlässt, daher zwiespältig: Ebners ansprechende Leistung und Ostermaiers lyrische Sprache sind den Besuch wert, die Bühnentauglichkeit des Monologs scheint hingegen fraglich.

 

Sebastian Freisleder

 

5/10
90 Minuten zwischen Lyrik und Hörspiel mit einer überzeugenden Caroline Ebner, aber ohne dramatischen Spannungsbogen.

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