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Händl Klaus: „Wilde – Der Mann mit den traurigen Augen“
(Werkraum der Münchner Kammerspiele, Premiere am 2. März 2005)
Der Händl Klaus ist ein Tiroler Filou. Frech vertauscht er Vor- und Nachname, erweist sich in seinen Texten als Satzzeichen-Anarcho und ist darüber hinaus in verhältnismäßig jungen Jahren bereits hochdekoriert: Für sein zweites Stück „Wilde – Der Mann mit den traurigen Augen“ wurde er in der Kritikerumfrage von Theater heute zum Nachwuchsautor des Jahres 2004 gewählt, die Inszenierung von Sebastian Nübling war im selben Jahr zum Berliner Theatertreffen geladen. Für die Münchner Kammerspiele schreibt er zur Zeit an einem neuen Stück, was diese wiederum zum Anlass nahmen, die Wilden im hauseigenen Werkraum ihr Unwesen treiben zu lassen.
Ein Mann, Gunter aus Bleibach und seines Zeichens Arzt ohne Grenzen, strandet unfreiwillig in Neumünster an der Lau, wo er am Bahnsteig auf die „Import-Export“-Gebrüder Emil und Hanno Flick trifft. Das seltsame Paar nötigt den erschöpften Fremden dazu, gemeinsam einen alten Mann zu verprügeln und geleitet ihn zur Flickschen Wohnung. Dort trifft Gunter auf Emils und Hannos an pneumonia migrans leidende Schwester Hedy, die er bald mehr schlecht als recht operieren wird. Die Mutter der Flicks, so erfährt der zunehmend der Hilflosigkeit anheim fallende Arzt, ist vor Kurzem in der Wohnung verbrannt, der wenig später in der Wohnung auftauchende Vater entpuppt sich als jener stumme alte Mann, der am Bahnsteig von den Flicks und Gunter verprügelt wurde. Am Ende wird Gunther selbst zum Gefangenen der sich als Ort von Angst, Beklemmung und Trauma erweisenden Wohnung.
„Wilde“ ist eine ist eine Beschwörung des Mysteriösen, Surrealen, Unheimlichen inmitten der alltäglichen Banalität, eine österreichische Version der Filme David Lynchs, transponiert für die Bühne. Das Stück lebt von seiner Atmosphäre der Irritation und Verunsicherung. Leider misslingt Boris von Posers Inszenierung die Erzeugung einer solchen Atmosphäre. Weder lässt sich von Poser vollends auf das grotesk-bizarren Moment des Stücks ein, das durchaus ins Spielerisches hätte gewendet werden können, noch produziert seine Inszenierung, was ebenso möglich gewesen wäre, die Präsenz von Bedrohung und Angst. Mal zur einen, mal zur anderen Seite tendierend, kann sich die Aufführung letztlich für keine von beiden entscheiden. Alles bleibt Oberfläche, die surreale Tiefe des Texts fast durchgehend seicht. Das gilt insbesondere für die Charaktere, deren Geschick den Zuschauer unberührt und unbeteiligt lässt. Dieses Manko liegt weniger an den engagierten Schauspielern Jochen Noch (Gunter), Matthias Bundschuh (Hanno Flick), Martin Butzke (Emil Flick) und Anna Böger (Hedy Flick), als an dem Mangel an inszenatorischem Präzision.
„Hier besteht man aus Angst an sich“, schreibt Händl Klaus über sein eigenes Stück. Klingt viel versprechend, wäre aber zu beweisen gewesen. In einzelnen Szenen, Sätzen und Bildern keimt immer wieder kurz auf, wo es hätte hingehen können, welches Potential in dem Text steckt. Am Ende bleibt es aber beim Paradox, dass hier zwar viel von Angst die Rede, aber wenig zu spüren ist.
Sebastian Freisleder
4/10
Eine wenig überzeugende Umsetzung eines viel versprechenden Textes, bei der die thematisierte Unheimlichkeit weitgehend Postulat bleibt. |